Rückblick

Erste digitale Fachveranstaltung war ein voller Erfolg

Wir machen Nahverkehr: Zahlreiche Interessierte, Entscheider und Akteure der Mobilitätsbranche kamen am 23. Juni auf digitalem Wege zusammen, um sich über die aktuellen Herausforderungen und Möglichkeiten für eine nachhaltige Mobilität auszutauschen, verschiedene Perspektiven zu diskutieren und Innovationen kennenzulernen.

Ziel der Teilnehmer des 2. NRW-Mobilitätsforums: die Zukunft der Branche zu gestalten. Die gemeinsam von NWL, VRR und NVR ausgerichtete Fachveranstaltung wurde live aus der Jahrhunderthalle Bochum gesendet, das Publikum konnte Vorträge, Statements und Diskussionen online verfolgen und sich aktiv an Diskussionen und Fragestellungen beteiligen. Impulse gaben Zukunfts- und Mobilitätsforscher genauso wie ausgewählte Experten und Branchenvertreter. Gemeinsam wagten die Fachleute einen fundierten Blick auf den Nahverkehr von morgen.

NRW-Verkehrsminister Hendrik Wüst und die Spitzen der SPNV-Aufgabenträger in NRW diskutierten, wie die Mobilitätswende auch in Zeiten von Corona gelingen kann – und welche Chancen und Risiken damit für die Zukunft verbunden sind. Dabei waren die Finanzierung des Gesamtsystems und die notwendigen Veränderungen des öffentlichen Verkehrs einige der Hauptthemen des Gesprächs. Es werde nach dem Abklingen der Pandemie weiteren Finanzierungsbedarf geben, waren sich die Gesprächsteilnehmer einig. Um künftige Herausforderungen zu stemmen, seien neue Ideen und Konzepte gefragt, die auch den Mut zur Umsetzung erfordern.

Wenn mehr Menschen auf Bus und Bahn umsteigen sollen, müssten das Angebot im ÖPNV für eine saubere Mobilität besser und durchbuchbare Wegeketten nutzbar gemacht werden, betonten die Gesprächsteilnehmer. Neben den Herausforderungen der Finanzierung des Gesamtsystems bestand Einigkeit darin, dass es nun gelte, das Vertrauen der Fahrgäste in den Nahverkehr zu stärken. Auch der sich verändernde Mobilitätsbedarf und Strategien zur Verkehrsvermeidung, wie die dauerhafte Etablierung von Home-Office-Regelungen, müssten bei verkehrlichen Planungen und der Gestaltung von attraktiven Tarifangeboten künftig stärker berücksichtigt werden. Ingo Kollosche, Zukunftsforscher und Forschungsleiter Mobilität beim Institut für Zukunftsstudien und Technologiebewertung (IZT) in Berlin, referierte über Aspekte notwendiger Veränderungen. In der aktuellen Corona-Krise spiele der Rückgang der Fahrgastzahlen im öffentlichen Personennahverkehr eine große Rolle. Ökologisch wie ökonomisch seien Nachteile zu erkennen, so der Verkehrsexperte. Radverkehr und Fußverkehr hätten zugenommen – aber eben auch der Autoverkehr. Offen sei, wann und wie sich dieser Trend zurückentwickle. „Mobilität ist ein Thema, das in den Köpfen der Menschen beginnt“, stellte der Zukunftsforscher heraus. Sie sei ein Spiegelbild der Gesellschaft. Politische Veränderungen, finanzielle Förderungen und auch Pläne für zukünftige Verbote von Verbrennungsmotoren flankieren die „Transformation“, wie er es nennt. Positiv wirke sich die Digitalisierung aus. Beispiel: „Mobility as a Service“, eine App mit komplettem Zugang zu Mietwagen, Taxi, Elektroroller und ÖPNV. Kollosches Fazit: „Wir haben die Möglichkeit, den öffentlichen Raum neu aufzuteilen.“ Manche Straßen könnten autofrei und der Raum für Räder ausgedehnt werden. Dazu passt auch das aktuell diskutierte Fahrrad- und Nahmobilitätsgesetz für NRW.

Bernhard Knierim, Biophysiker und Politikwissenschaftler, setzt sich aktiv für eine Mobilitätswende ein: weniger Verkehr insgesamt, mehr Fahrrad, Fußverkehr und öffentlicher Verkehr. Dabei geht es nicht nur um technische Effizienzfortschritte und bloße Forderungen nach einem Stehenlassen des Autos, sondern auch um die Fragen, warum Verkehr entsteht und warum Menschen welche Verkehrsmittel wählen – und welche Energie dieser Verkehr letztlich nutzt. „Wie können wir auch mit weniger und anderem Verkehr genauso mobil sein? Warum sind die alternativen Verkehrsmittel so oft keine wirklichen Alternativen?“ – Fragen, auf die Knierim praktikable Antworten sucht. Fest stehe: „Die Bahn ist das mit Abstand umwelt- und klimaschonendste Verkehrsmittel. Aber ob sie auch wirklich nutzbar und attraktiv ist, das hängt ganz entscheidend von der Politik ab und den dafür notwendigen Strukturen für den SPNV, aber auch für alle Verkehrsteilnehmer im Umweltverbund – egal, ob Fußgänger, Fahrradfahrer oder ÖPNV-Nutzer.“ Weiterer Aspekt in der Diskussion: Digitale Projekte bilden für eine erfolgreiche nachhaltige Mobilität heute und in der Zukunft einen wesentlichen Baustein. Gemeinsam nutzen das NRW-Verkehrsministerium, die SPNV-Aufgabenträger und die Verkehrsbetriebe die Potenziale der Digitalisierung für neue Mobilitätskonzepte, um vernetzte Lösungen und Angebote für die Menschen in NRW zu schaffen. Denn die Digitalisierung bietet die Chance, die Fahrt mit Bus und Bahn durch smarte Lösungen komfortabler und intuitiver zu machen.

Ein großes Zukunftsprojekt, das landesweite Informations- und Ticketingsystem mit so genannter Check-in/Be-out-Funktion (kurz CiBo), das den Zugang zum ÖPNV erleichtern und die Fahrt mit öffentlichen Verkehrsmitteln nachhaltig vereinfachen soll, stellte Dr. Maximilian Müller, Leiter Kompetenzcenter Digitalisierung NRW (KCD), vor. Fahrgäste können so unkompliziert Bus und Bahn nutzen, ohne sich vorher über den richtigen Tarif oder das richtige Ticket Gedanken machen zu müssen. Eduard Rollmann, Leiter Kompetenzcenter Marketing NRW (KCM), zeigte die neuen Möglichkeiten von CiBo auf, eTarife für NRW zu integrieren. Gemeinsam mit dem Land NRW, den Verkehrsverbünden und Tarifgemeinschaften werden die zuständigen Aufgabenträger mit dem NRW-eTarif die neuen Tarifgenerationen vorantreiben.

Katja Nowak-Müller, Leiterin Stabsstelle Strategie/Innovation & Digitale Entwicklung NWL, warf abschließend die Frage auf, was Daseinsvorsorge und Digitalisierung gemeinsam haben. Für eine vernetzte Mobilitätsentwicklung haben beide Schwerpunkte heute veränderte Zielperspektiven. Die Digitalisierung schafft Möglichkeiten des verkehrsträgerübergreifenden Handelns, während die Daseinsvorsorge durch die angestrebte Verkehrswende einen neuen, erweiterten Anspruch verfolgt. Dieser umfasst u. a. nachhaltige Strategien und Lösungen zur Verkehrsvermeidung und Verkehrsverlagerung. Aus diesen Erkenntnissen wird die Notwendigkeit einer Orientierung durch nachhaltige und digitale Zielkonzepte abgeleitet. Dazu müssen die strategischen Instrumente neu ausgerichtet und die Rahmenbedingungen für digitale Entwicklung geschaffen werden.

Übergeordnetes Thema: Die Europäische Union hat 2021 zum Jahr der Schiene erklärt. Wo steht der Nahverkehr? Mit dieser Frage beleuchteten Georg Seifert, VRR-Abteilungsleiter SPNV Wettbewerb/Vertragsmanagement/Planung, Dr. Matthias Stoffregen, Geschäftsführer mofair e. V., und Bernd Köppel, Leiter Infrastrukturprojekte West der DB Netz AG, den SPNV aus Perspektive der Aufgabenträger, der Betreiber von Mobilitätsdienstleistungen und der Infrastrukturbetreiber. Einig waren sich die Experten darin, dass schon viel erreicht ist, nun aber vor allem die Finanzierung für eine vorausschauende Planung gesichert werden muss, um die Infrastruktur weiter auszubauen und das Bahnsystem zu digitalisieren. Der in Umsetzung befindliche Deutschlandtakt, der Start einer Innovations- und Digitalisierungsoffensive, Vernetzung und Infrastrukturausbau und die Novellierung des Eisenbahnregulierungsgesetzes (ERegG) mit den damit einhergehenden Pilotprojekten zur Erprobung neuer Modelle der Kapazitätszuweisung seien die ersten Schritte in die richtige Richtung, gepaart mit der Fortsetzung der erfolgreichen Zusammenarbeit, so der einhellige Tenor der Teilnehmer des 2. NRW-Mobilitätsforums.

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