Ausblick

„Unser Anspruch ist und bleibt es, ein zuverlässiges Verkehrsangebot sicherzustellen“

Turbulenzen am NRW-Markt: Mit Keolis und Abellio sind in den vergangenen Monaten gleich zwei SPNV-Unternehmen in die Schlagzeilen geraten – zwei Geschichten mit unterschiedlichem Ausgang. Im Interview analysiert NWL-Geschäftsführer Joachim Künzel die Hintergründe und zeigt Perspektiven auf.

Mehr als 20 Millionen Zugkilometer jährlich, fast ein Fünftel des Nahverkehrsvolumens auf der Schiene in NRW: Der Marktaustritt von Abellio Rail ist ein bespielloser Vorgang. Wie konnte es dazu kommen?

Abellio Rail war in eine finanzielle Schieflage geraten. Um die Strukturen des Unternehmens wieder auf marktfähige Beine zu stellen, befand sich das Unternehmen ab Mitte 2021 zunächst in einem dreimonatigen Schutzschirmverfahren, in dem die Bundesagentur für Arbeit Löhne und Gehälter zahlte. In diesem Zeitraum konnte jedoch keine Lösung zur Stabilisierung von Abellio gefunden werden. Um dem Unternehmen eine weitere Perspektive zu bieten, investierten VRR, NWL und NVR anschließend einen Millionenbetrag zur Fortführung der Verkehre bis Ende Januar 2022. Da auch in dieser Frist keine Einigung mit Abellio erzielt werden konnte und auch weitere Verhandlungen zu keinem tragbaren Ergebnis führten, sahen die Aufgabenträger keine Alternative zur Neuvergabe der Verkehrsleistungen auf den betreffenden Linien. Damit schied das Unternehmen, das sich mittlerweile in einem Insolvenzverfahren befand, im Februar 2022 aus dem NRW-Markt aus. Die entstehenden Kosten in Höhe eines dreistelligen Millionenbetrags hat das Land NRW übernommen.    

Auch Keolis Deutschland war in wirtschaftliche Schieflage geraten, hier konnte am Verhandlungstisch ein Kompromiss gefunden werden. Warum war eine solche Lösung mit Abellio Rail nicht möglich?

Anders als mit Abellio Rail konnte mit Keolis Deutschland eine faire und zielführende Einigung zur Fortführung der Zusammenarbeit erreicht werden. Auf Basis vertraglicher Anpassungen im Rahmen des Projekts Verkehrsvertrag 2.0 haben NWL und VRR größtmögliche Kompromissbereitschaft gezeigt. Im Gegenzug hat der französische Mutterkonzern einen hohen Beitrag zum Ausgleich von vertraglichen Defiziten des zum 1. Januar 2022 an einen neuen Gesellschafter übergegangenen Unternehmens geleistet. Auf dieser Basis ist die vollumfängliche Erfüllung der bestehenden Verkehrsverträge gewährleistet. Dieses Beispiel zeigt, dass alle Beteiligten bei maximalem Entgegenkommen eine Lösung auch für große wirtschaftliche Herausforderungen finden können – im Sinne der Fahrgäste, der Mitarbeiter und der Steuerzahler.     

Die Neubetreiber der vormaligen Abellio-Linien mussten innerhalb von Wochen umsetzen, was in regulären Ausschreibungsverfahren Jahre dauert. Was waren die größten Herausforderungen beim Betreiberwechsel?

Die Gremien der beteiligten Aufgabenträger haben Mitte Dezember 2021 grünes Licht für die Direktvergabe der betreffenden Verkehrsleistungen an DB Regio, National Express und Vias Rail gegeben. Da der Betriebsübergang bereits im Februar 2022 erfolgen sollte, blieben den Unternehmen gerade mal sechs Wochen, um die Voraussetzungen zur möglichst reibungslosen Umsetzung der entsprechenden Betriebskonzepte für die komplexen verkehrlichen Anforderungen auf die Beine zu stellen. Die Verfügbarkeit von Personal, Fahrzeugen sowie Instandhaltungskapazitäten in diesem extrem kurzen Zeitraum zu gewährleisten, war eine echte Herkulesaufgabe, die nur durch das enge und vertrauensvolle Zusammenspiel aller Player gestemmt werden konnte.

Nicht nur 120 Fahrzeuge und zwei Werkstätten wechselten den Betreiber, auch mehr als 1.000 Abellio-Beschäftige bekamen neue Arbeitgeber. Wie haben die Aufgabenträger diesen Übergangsprozess begleitet?

Die bislang einmalige Situation des Marktaustritts eines der größten SPNV-Anbieter auf dem NRW-Markt und die Dynamik des damit verbundenen Prozesses lösten bei den ehemaligen Abellio-Beschäftigten viel Unsicherheit aus. Die Sorge um den eigenen Arbeitsplatz wurde noch verstärkt durch unternehmensinterne Gerüchte und die beinahe tägliche Berichterstattung in den Medien. Wir als Aufgabenträger haben uns von vornherein für größtmögliche Transparenz und Verlässlichkeit bei der Sicherung von Arbeitnehmerinteressen stark gemacht. Wir haben garantiert, dass kein Eisenbahner im Rahmen des Betreiberwechsels auf der Strecke bleibt. Dazu haben wir in Mitarbeiterversammlungen Rede und Antwort gestanden, zusätzliche Gehälter als Anreiz für den Übergang zu den neuen Verkehrsunternehmen finanziert und den Prozess unternehmensübergreifend moderiert und mit Unterstützung des Landes eng begleitet. Fest stand: Jeder einzelne der mehr als 1.000 Abellio-Mitarbeiter wird weiterhin im Nahverkehr gebraucht. Die nahezu lückenlose Übernahmequote zeigt, dass sich Offenheit, Ehrlichkeit und Vertrauen ausgezahlt haben – auch im Zusammenspiel der beteiligten Unternehmen.

Im Vorfeld und im Nachgang des Betriebsübergangs kam ein Übergangsfahrplan mit zum Teil reduziertem Leistungsangebot zum Tragen. Warum war diese Maßnahme notwendig?

Um den Übergang vom bisherigen zu den neuen Unternehmen möglichst nahtlos zu gestalten, kam es von Anfang Januar bis Ende Februar 2022 zu stellenweisen Einschränkungen gegenüber dem regulären Verkehrsangebot. Diese vorübergehende Maßnahme wurde nötig, um den nötigen Spielraum zur Schulung der übergehenden Mitarbeiter, zur Vorbereitung der Fahrzeuge auf die Belange der neuen Unternehmen sowie zur verlässlichen Planung der Betriebskonzepte zu schaffen. Um in diesem Übergangszeitraum ungeplante Zugausfälle zu vermeiden, lag der Fokus auf Angebotsreduzierungen auf einzelnen Linien bei Gewährleistung von Fahrtalternativen. Die reibungslose Rückkehr zum Regelangebot Anfang März zeigt: Die Maßnahme hat Früchte getragen, die Unternehmen haben den Zeitraum genutzt, um sich professionell und bestmöglich für die zusätzlichen Anforderungen aufzustellen – eine tolle Leistung, deren Verdienst auch das der Planer und Koordinatoren hinter den Kulissen ist.  

Auch andere EVU sehen sich mit einer angespannten wirtschaftlichen Lage konfrontiert. Mit welchen Maßnahmen wollen Sie den SPNV-Markt langfristig wieder entspannen und lukrativ für Ihre Vertragspartner gestalten?

Unser Anspruch ist und bleibt es, ein zuverlässiges und attraktives Verkehrsangebot sicherzustellen und weiter auszubauen. Der Wettbewerb im SPNV-Markt hat maßgeblich dazu beigetragen, sukzessive mehr Leistungen mit einer besseren Qualität auf die Schiene zu bringen. Veränderte Rahmenbedingungen haben jedoch dazu geführt, dass sich der wirtschaftliche Effekt insbesondere lang laufendender Verkehrsverträge zu Ungunsten der beauftragten Unternehmen entwickelt hat. Konkret: Personalkosten, verkehrliche Auswirkungen durch Baumaßnahmen und Pönalen aufgrund extern verursachter Störungen im Bahnbetrieb setzen unsere Auftragnehmer finanziell zunehmend unter Druck. Um eine verbesserte Basis für verlässliche und qualitativ hochwertige Verkehre dauerhaft sicherzustellen, haben wir das Projekt Verkehrsvertrag 2.0 ins Leben gerufen. Dies gibt uns die Möglichkeit, bestehende Verkehrsverträge in juristisch vertretbarem Rahmen anzupassen und Unternehmen mit Blick auf die genannten, wirtschaftlich „neuralgischen“ Punkte zu entlasten. Bei der Gestaltung künftiger Verkehrsverträge werden wir diese Stellhebel berücksichtigen. Wirtschaftlichkeit und Qualität werden bei kommenden Ausschreibungen und Vergaben eine noch stärkere Rolle spielen.